„Sicherheit lohnt sich“ - was ist eine Risikobeurteilung, warum ist sie ein wesentlicher Bestandteil der CE-Kennzeichnung einer Maschine und wie kann sie Ihnen als Maschinenhersteller helfen?

Die EU-Maschinenrichtlinie 2006/42/EG sowie die kommende Maschinenverordnung (EU) 2023/1230 verlangen, dass jeder Maschinenhersteller eine Risikobeurteilung durchführt. Dies ist eine gesetzliche Verpflichtung.
Dies gilt auch für selbstgebaute Maschinen. Wenn Sie eine Maschine für den Eigengebrauch herstellen - auch als Einzelstück -, gelten Sie rechtlich als Hersteller. Das bedeutet, dass Sie die gleiche Verantwortung wie ein kommerzieller Maschinenhersteller tragen und Ihre Maschine CE-kennzeichnen müssen. Um eine Maschine CE-kennzeichnen zu können, ist unter anderem eine korrekte Risikobeurteilung erforderlich.
Dasselbe gilt, wenn mehrere Maschinen zu einem System verbunden werden. Gemäß der Maschinenrichtlinie sind solche verknüpften Maschinen als Gesamtheit zu betrachten. Wenn Sie ein System aus mehreren Maschinen aufbauen, entsteht in der Praxis daher eine neue, kombinierte Maschine.
Das bedeutet, dass das gesamte System risikobeurteilt werden muss - nicht nur die einzelnen Maschinen jeweils für sich.
Das Fazit ist eindeutig: Unabhängig davon, ob Sie selbst bauen, umbauen oder Maschinen miteinander verknüpfen, ist eine Risikobeurteilung erforderlich, um die gesetzlichen Anforderungen gemäß Maschinenrichtlinie zu erfüllen.
Was ist eine Risikobeurteilung und warum ist sie so wichtig?
Eine Risikobeurteilung ist ein systematischer Prozess, um:
Gefährdungen zu identifizieren
Risiken zu beurteilen
Risiken auf ein akzeptables Niveau zu reduzieren
Das Risiko wird anhand von zwei Faktoren beurteilt:
Wie wahrscheinlich es ist, dass ein Unfall eintritt
Wie schwer die Verletzung ausfällt
Je höher die Wahrscheinlichkeit und die Schwere, desto höher das Risiko.
Das Risiko kann reduziert werden, indem einer oder beide dieser Faktoren beeinflusst werden.
Ziel ist, dass die Maschine sicher verwendet werden kann - die Arbeit beginnt bereits in der Konstruktion und begleitet die Maschine über ihren gesamten Lebenszyklus.
Wie sollten Risikobeurteilung und Risikominderung durchgeführt werden?
Die Risikobeurteilung muss durchgeführt werden, und die Arbeit beginnt mit der Festlegung der Grenzen der Maschine. Das bedeutet, zu klären, wofür die Maschine verwendet werden soll, wer sie verwenden soll und unter welchen Bedingungen sie verwendet wird. Dieses Verständnis bildet die Grundlage für die gesamte Risikobeurteilung.
Anschließend werden alle relevanten Gefährdungen identifiziert. Dies umfasst nicht nur den Normalbetrieb, sondern den gesamten Lebenszyklus der Maschine - von der Konstruktion bis zur Außerbetriebnahme und alle Schritte dazwischen. Ziel ist es, alle Situationen zu erfassen, in denen Personen einem Risiko ausgesetzt sein können.
Nachdem die Gefährdungen identifiziert wurden, werden die Risiken beurteilt, indem die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Ereignisses und die mögliche Schwere der Folgen zusammen betrachtet werden. Auf dieser Grundlage wird entschieden, ob das Risiko akzeptabel ist oder reduziert werden muss.
Die Risikominderung basiert auf der sogenannten Drei-Stufen-Methode. Sie legt fest, in welcher Reihenfolge Risiken zu behandeln sind, und ist grundlegend für sämtliche Sicherheitsarbeit im Maschinenbau.
Stufe 1 - Maßnahmen zur inhärent sicheren Konstruktion
Inhärente Sicherheit bedeutet, dass Risiken durch die Art der Konstruktion der Maschine beseitigt oder reduziert werden.
Dies kann bedeuten, die Maschine so zu gestalten, dass Gefährdungen konstruktiv ausgeschlossen werden, oder das Risiko im Zusammenspiel zwischen Mensch und Maschine zu verringern.
Stufe 2 - Technische Schutzmaßnahmen
Wenn Risiken nicht durch Konstruktion beseitigt werden können, sind sie durch technische Schutzeinrichtungen oder ergänzende Schutzmaßnahmen zu reduzieren.
Dazu zählen beispielsweise Schutzeinrichtungen, Sicherheitsfunktionen und andere technische Lösungen - unter Berücksichtigung der bestimmungsgemäßen Verwendung und der vernünftigerweise vorhersehbaren Fehlanwendung.
Stufe 3: Information für Benutzer
Wenn trotz inhärenter Sicherheit und technischer Schutzmaßnahmen Restrisiken verbleiben, müssen diese in den Benutzerinformationen klar beschrieben werden.
Die Informationen müssen unter anderem enthalten, wie die Maschine sicher zu verwenden ist, angepasst an die Fähigkeiten des Benutzers, empfohlene Arbeitsmethoden und den Schulungsbedarf
Warnhinweise und Informationen zu Restrisiken über den gesamten Lebenszyklus der Maschine.
Welche persönliche Schutzausrüstung erforderlich ist, warum sie benötigt wird und welche Schulung für ihre Verwendung erforderlich ist.
Wichtig ist, dass Information niemals Konstruktion oder technische Schutzmaßnahmen ersetzen darf.
Was bedeutet das in der Praxis?
Wenn das Risiko nicht akzeptabel ist, müssen Maßnahmen zu seiner Reduzierung ergriffen werden. Danach wird der Prozess wiederholt - neue Gefährdungen können entstehen und frühere Risiken müssen neu bewertet werden. Die Arbeit wird fortgesetzt, bis alle Risiken auf ein akzeptables Niveau reduziert sind.
Es ist wichtig zu verstehen, dass die Risikobeurteilung keine Tätigkeit ist, die am Ende eines Projekts durchgeführt wird. Sie sollte früh beginnen und parallel zur Konstruktion laufen. Durch die frühzeitige Identifikation von Risiken können diese oft direkt im Design gelöst werden, was sowohl effizienter als auch kostensparender ist als späte Änderungen vor oder im Zusammenhang mit der Inbetriebnahme.
Häufige Herausforderungen und Fallstricke
In der Theorie ist die Risikobeurteilung ein klarer Prozess, in der Praxis treten jedoch häufig Herausforderungen auf. Die größte Schwierigkeit besteht darin, alle relevanten Gefährdungen zu identifizieren. Maschinen können komplexe Systeme sein, und Risiken können in Situationen entstehen, die auf den ersten Blick nicht offensichtlich sind. Das gilt insbesondere bei ungewöhnlichen Betriebsfällen, etwa bei Wartungsarbeiten, wenn Schutzeinrichtungen entfernt werden, oder bei vorhersehbarem Fehlverhalten - zum Beispiel wenn ein Bediener eine Sicherheitsfunktion umgeht, um Zeit zu sparen. All diese Situationen systematisch über den gesamten Lebenszyklus der Maschine zu erfassen, ist einer der anspruchsvollsten Teile der Arbeit.
Hier spielen Normen und Checklisten eine wichtige Rolle. Spezifische Maschinen-Typ-C-Normen enthalten häufig Beispiele typischer Gefährdungen, die als Unterstützung dienen können, um sicherzustellen, dass nichts übersehen wird.
Ein weiterer häufiger Fallstrick ist die trügerische Sicherheit, dass „bisher nichts passiert ist“. Viele Unternehmen verfügen über langjährige Erfahrung und bauen Maschinen, die in der Praxis gut funktionieren. Ohne dokumentierte Risikobeurteilung fehlt jedoch die Rückverfolgbarkeit. Wenn nachträglich ein Unfall eintritt, muss nachgewiesen werden können, welche Risiken identifiziert wurden und wie damit umgegangen wurde. Eine systematische Risikobeurteilung stellt genau dies sicher und verringert das Risiko, dass wichtige Aspekte übersehen werden.
Die Dokumentation ist für sich genommen eine Herausforderung. Sie ist verpflichtend und muss klar zeigen, welche Maschine beurteilt wurde, welche Anforderungen gelten, welche Gefährdungen identifiziert wurden, welche Maßnahmen ergriffen wurden und welche Risiken gegebenenfalls verbleiben. Sie muss außerdem angeben, welche Normen angewendet wurden. Die Dokumentation dient sowohl als internes Wissensfundament als auch als Grundlage bei behördlichen Prüfungen. Gleichzeitig müssen relevante Informationen aus der Risikobeurteilung in die Betriebsanleitung überführt werden, damit der Benutzer über Restrisiken und notwendige Schutzmaßnahmen informiert ist.
Ein wiederkehrender Fehler ist, die Risikobeurteilung als Formalität zu behandeln, die erst spät im Projekt durchgeführt wird. Dies führt häufig zu generischen Dokumenten, die die tatsächliche Maschine oder ihre Risiken nicht widerspiegeln. Wenn die Risikobeurteilung stattdessen frühzeitig in den Entwicklungsprozess integriert wird, können Risiken direkt in der Konstruktion behandelt werden. Das reduziert den Bedarf an späten Änderungen und trägt zu sowohl sichereren als auch kosteneffizienteren Lösungen bei.
Gegenargumente und andere Perspektiven
Es gibt häufig Einwände gegen die Risikobeurteilung. Gängige Argumente sind, dass sie Zeit kostet, Geld kostet oder Innovation hemmt. Andere meinen, dass erfahrene Ingenieure bereits über ausreichendes Wissen verfügen und formale Dokumentation daher unnötig sei. Diese Sichtweisen sind nachvollziehbar, halten jedoch einer vollständigen Prüfung nicht stand.
In der Praxis stehen Sicherheit und Innovation nicht im Widerspruch zueinander. Im Gegenteil: Eine durchdachte Risikobeurteilung kann zu besseren Lösungen beitragen. Wenn Risiken früh in der Konstruktion behandelt werden, kann die Maschine effizienter ausgelegt werden, ohne auf umfangreiche nachgerüstete Schutzeinrichtungen angewiesen zu sein. Das führt häufig sowohl zu besserer Funktion, höherer Ergonomie als auch zu einem ausgereifteren Produkt.
Auch das Kostenargument wird oft angeführt. Es ist richtig, dass eine fundierte Risikobeurteilung Zeit und Kompetenz erfordert. In einer größeren Perspektive ist sie jedoch eine Investition. Jedes Risiko, das im Voraus identifiziert und beseitigt wird, reduziert die Wahrscheinlichkeit von Unfällen, Stillständen und Folgekosten. Die Konsequenzen eines Unfalls können deutlich weitreichender sein - sowohl wirtschaftlich als auch in Form von Vertrauensverlust.
Ein weiteres häufiges Missverständnis ist, dass eine Risikobeurteilung nach Arbeitsschutzvorschriften ausreichen würde. Hier ist es wichtig, zwischen den Verantwortlichkeiten zu unterscheiden. Die nach Arbeitsschutzvorschriften durchgeführte Risikobeurteilung bezieht sich darauf, wie eine Maschine in einem bestimmten Betrieb verwendet wird, und liegt in der Verantwortung des Arbeitgebers. Die Risikobeurteilung nach Maschinenrichtlinie liegt hingegen in der Verantwortung des Herstellers und betrifft die Maschine selbst, unabhängig davon, wo sie verwendet wird. Diese beiden Perspektiven ergänzen sich, ersetzen sich jedoch nicht gegenseitig.
Insgesamt geht es bei der Risikobeurteilung nicht um Verwaltung um der Verwaltung willen. Sie ist ein Instrument, um bessere Entscheidungen zu treffen, sicherere Produkte zu schaffen und sicherzustellen, dass sowohl gesetzliche als auch praktische Anforderungen erfüllt werden.
Fazit: Sicherheit zahlt sich aus
Eine Risikobeurteilung mag auf den ersten Blick zeitaufwendig erscheinen, in der Praxis ist sie jedoch ein zentraler Bestandteil einer funktionierenden und nachhaltigen Maschinenentwicklung. Es geht nicht um Bürokratie, sondern darum, systematisch sicherzustellen, dass Risiken identifiziert und behandelt werden, bevor sie zu Problemen führen.
Die Erfahrung zeigt, dass Maschinen, die mit einer strukturierten Risikobeurteilung entwickelt werden, sicherer und durchdachter sind. Heute ist die Risikobeurteilung ein selbstverständlicher Teil des Entwicklungsprozesses, und mit dem Aufkommen neuer Technologien wird sie noch wichtiger, um neue Arten von Risiken zu beherrschen.
Unternehmen, die konsequent mit Risikobeurteilung arbeiten, erhalten klare Vorteile. Sie reduzieren das Risiko von Unfällen, Stillständen und rechtlichen Folgen. Gleichzeitig erfüllen sie ihre Pflichten gemäß Maschinenrichtlinie und stärken das Vertrauen sowohl von Kunden als auch von Benutzern. Eine Maschine, bei der Sicherheit bis ins Detail durchdacht ist, signalisiert Verantwortung und Qualität.
Das gegenteilige Szenario ist deutlich kostspieliger. Im Falle eines Unfalls wird die Risikobeurteilung geprüft. Fehlt sie oder ist sie mangelhaft, können die Folgen erheblich sein - von Produktionsstillständen bis hin zu rechtlichen Maßnahmen und einem geschädigten Ansehen.
Eine durchgeführte und dokumentierte Risikobeurteilung ist daher nicht nur eine Voraussetzung für die CE-Kennzeichnung. Sie ist eine Investition in sicheren Betrieb, Regelkonformität und langfristigen Geschäftsnutzen.
Wie unterstützt Noex bei Risikobeurteilungen?
Strukturiert mit Risikobeurteilung zu arbeiten, erfordert Methodik, Fachwissen und Zeit. Für viele Organisationen liegt die Herausforderung nicht darin zu verstehen, was zu tun ist - sondern darin, es in jedem Projekt tatsächlich effizient und konsequent umzusetzen.
Hier kommt Noex ins Spiel. Die Plattform wurde entwickelt, um Maschinenhersteller über den gesamten Risikobeurteilungsprozess zu unterstützen - von der Identifikation relevanter Anforderungen und Normen bis zur Dokumentation, Strukturierung und Nachverfolgung der Arbeit. Indem alles an einem Ort gebündelt wird, wird es einfacher, systematisch zu arbeiten, die Konformität sicherzustellen und die erforderliche Rückverfolgbarkeit zu schaffen.
Das Ergebnis ist nicht nur, dass gesetzliche Anforderungen erfüllt werden, sondern auch, dass die Risikobeurteilung ein integrierter und wertschöpfender Teil des Entwicklungsprozesses wird - statt etwas, das nachträglich erledigt wird.


